Es ist gut, also ist es schön…
Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Und sie unterliegt der Mode, das weiss, wer die Reihe der James Bond-Darsteller oder die «topmodischen» Hosenschlagweiten der letzten zwei bis drei Dekaden beobachtet hat.
Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Dies brachten vor langer Zeit Seminarleiterinnen an der TU Berlin eindrücklich ins Bewusstsein, als sie zum Stichwort «Landschaftsbildbewertung» eine Studie vorstellten. Konfrontiert mit dem Foto einer Pfeiffengras-Feuchtwiese, gerieten fachlich vorbelastete Personen in ökologisches Entzücken angesichts des seltenen, botanischen Kleinods und vergaben Höchstnoten. Aussenstehende sahen dort hingegen eintöniges, langweiliges Grünland und drückten ihre mässige Begeisterung in geringeren Noten aus.
Ein gewisses déjà-vue stellt sich hinsichtlich der wechselnden Garten-Paradigmen ein. War vor einigen Jahren Gärtnern ein harmloser Zeitvertreib, um sich an besonderen Blumen zu freuen, aus perfekt getrimmten Hecken heimelige Räume zu schaffen oder versuchsweise mit fünf Kartoffeln Selbstversorgertum auszuprobieren, ist es inzwischen die Mission zur Rettung der Welt, nein, der Artenvielfalt.
Kabinett für seltene Arten
Die Botschaft der Artenschützer ist in Kreisen der engagierten Amateur-Gärtner*innen angekommen. Diskussionen in Internet-Gartenforen belegen enorme Arten- und Detailkenntnis vieler Teilnehmenden, die gezielt Wildstauden ansiedeln, um auch die «himmelseltene strupphaarige Sandhummel» in ihren Garten zu locken. Somit ist der Garten jetzt vor allem ein Ort, um seltenen Insekten und sonstigen Tierlein durch ein ausgefeiltes Angebot an Wohnstätten und Futterpflanzen – für Larven und Alttiere!- eine neue Heimat zu bieten. Und wo das Mass aller Dinge die Artenzahl und Verweildauer möglichst seltener Insekten ist, treten andere Dinge in den Hintergrund.
Schotterwüste oder Steinhaufen
Derweil klafft die Schere. Auf der einen Seite gnadenlos pragmatische Häusle-Besitzer, die weiterhin potentielles Gartenland erfolglos in «pflegeleichte» Schotterwüsten umwandeln, auf der anderen Seite ökologisch ambitionierte «Naturgärtner», die stolz eine strukturfreie Pflanzensammlung mit Holz- und Steinhaufen ihren Garten nennen. Das Credo «einheimisch und naturnah» ist selten ein Garant für beeindruckende Gartenbilder.
Ganz schön wild
Doch zurück zu Schönheit. Das menschliche Auge mag Kontraste und gut lesbare Strukturen. Und anscheinend ist es ein evolutionäres Erbe, weswegen wir bunte Blüten lieben. Deswegen bieten «typische» Öko-Gärten den meisten Laien wenig Gründe zur Begeisterung. Zweckoptimistische Aussagen wie: «Wildpflanzen sind auch schön» können wenig am sehr subtilen Charme zahlreicher Wildarten ändern. Ein Beispiel ist der Gelbe Waldsalbei (Salvia glutinosa), eine der wenigen spätblühenden einheimischen
Arten. Sein Blüte-Laub-Verhältnis ist eher unterwältigend mit verschwindend zart gelbgrünen Blüten. Seine Tendenz, gleich Dschinges Khan ein Beet in kürzester Zeit vollständig zu erobern, sei hier nur am Rande erwähnt. Ein wenig scheint es mit dem «Einheimischen-Schönheitsideal» wie mit Vollkorn-Crackern zu sein: die Vernunft signalisiert, dass es gut ist. Der Wow-Faktor, den etwa opulente Päonienblüten oder fröhlich-bunte Herbstastern haben, fehlt meist.
Gezähmte Wildnis
Ein Mittelweg scheint auch hier langfristig erfolgreicher zu sein. Gestalterisch gibt es Ansätze, durch ordnende Elemente dem «Wildwuchs» einen beruhigenden Rahmen zu geben und dadurch auch skeptische Laien zu gewinnen. James Hitchmough und Nigel Dunnet, Universität Sheffield, kombinierten 2012 für den Olympic Park in London einheimische Wiesenarten mit standortgerechten asiatischen oder amerikanischen Arten, um auch naturfernes Laienpublikum zu begeistern (more is more!). Was Menschen im Garten erfreut, ist sehr persönlich: Erinnerungen an vergangene Reisen und geliebte Menschen, Bausteine einer wachsenden Sammlung, einfach «etwas Neues»… Wäre es nicht schade, wenn dieser Facettenreichtum nicht mehr sein dürfte?